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Wahlen in Griechenland

Nun ist es also endlich soweit. Die vielberüchtigten, vielbefürchteten, vielbesprochenen Wahlen sind da, und das gleich im Doppelpack. Am 18. Mai fand die erste Runde der Kommunal- und Regionalwahlen statt, heute Sonntag, den 25., geht es in die zweite Runde, und zugleich sollen wir alle noch für das Europaparlament mitstimmen. Die Wahlurnen stehen gleich doppelt und dreifach zur Verfügung, und ganze Berge von Wahlzetteln warten nur darauf den pflichtbewussten Bürgern in die Hand gedrückt zu werden, damit diese ihre Wahlpflicht, pardon, ihr Wahlrecht natürlich, frohmutig und so richtig schön demokratisch erfüllen können. Wir werden brav unsere Bürgermeister und Regionalgouverneure wählen, die ja sowieso nur unser Bestes wollen, und als extra Bonus bekommen wir auch noch das Mitspracherecht in Europa zugeschoben, ihr wisst schon Europa, das schöne und vollkommene Europa, an dessen Geist wir das Privileg haben alle genesen zu dürfen.

Wenn nur dieses abscheuliche Gefühl von Gängelung und Einschüchterung fehlen würde, ja, dann wäre alles in Butter.

Aber es geht mal wieder um die Wurst, in diesem Fall die Erhaltung, koste es was es wolle, dieses perversen und korrupten Polit-Konstrukts, das sich „griechische“ Regierung schimpft und sich bestens mit Troika und Co. versteht, und die Propaganda läuft auf Hochtouren. Allein die letzten zwei Wochen durften wir von den Tränen Merkels und der Entrüstung Sarkozys in Cannes 2011 erfahren, was uns beinah den Rauswurf aus der EU gekostet hätte, was wiederum zur völligen Katastrophe des gesamten Landes geführt hätte, mit dem totalen Importstop von Nahrungsmitteln, Benzin, Heizöl und anderer Lebensgüter, der Einstellung von Renten- und Lohnauszahlungen, den stark beschränkten Zugang zu Spareinlagen und Banken im allgemeinen. Das totale Chaos also.

Obrige Schreckensszenarien wurden auch damals im November 2011 verbreitet, allerdings ohne weitere Details über die Reaktionen der restlichen EU-Oberhäupter, und das entgeisterte griechische Volk musste mit ansehen, wie die gewählte Regierung einfach abgeschafft wurde und durch eine Bankiersregierung ersetzt wurde, die sich sofort ans Werk machte verschiedene Gesetze durchzuboxen, die wirklich in ganz Europa ihresgleichen suchen was Niedertrampelung von Menschen- und Arbeitsrechte betrifft. Die letzten Versuche der Bürger sich durch rechtmäßige Demonstrationen zu wehren wurden von Staat und Polizei brutal zerschlagen, und nachdem man sich zu xten Mal aus Europa anhören musste: „Die Griechen sind mal wieder zu faul um zu schaffen und Steuern zu zahlen und gehen lieber demonstrieren“, war es endgültig aus mit dem Protest. Rette sich wer kann, lautet nun seitdem die Devise. Denn was die Griechen noch mehr als ihr Selbstbestimmungsrecht und ihre Freiheit lieben, das sind ihre Kinder, ihre Nachkommen, die Hoffnung der Zukunft wie es so schön heißt. Denn für seine Kinder (und damit sind nicht nur Minderjährige gemeint!) tut der Grieche fast alles, koste es was es wolle, er lässt sich zertrampeln, demütigen, einengen, Hauptsache die Kinder bekommen irgendeine Chance zu überleben, da wird der Überlebenskünstler in ihm aktiv, egal wie oder wo.

Und dann wird gehandelt, ob zum Guten oder zum Bösen. In den letzten zwei Jahren gab es also eine wahre Migrationswelle ins Ausland, sämtliche Verwandte, Freunde oder auch einfache Bekannte der Diaspora in aller Herrenländer (USA, Deutschland, Australien, Südafrika u.a.) wurden eingespannt, damit Kinder und Enkelkinder irgendwo untergebracht werden, Arbeit finden und überleben können. Diejenigen, die es nicht mit dem Ausland schaffen konnten, versuchten ihr Bestes mit allen Mitteln hierzulande, und da wurde es natürlich auch böse, da all diese Selbsterhaltungsinstinkte eintreten und die Gesellschaft nun endgültig zerfällt, der sozialer Kannibalismus sich breitmacht und die Menschen an sich reißen was sie nur können. Lichtblicke der Solidarität und der Nächstenhilfe gibt es schon, die angeborene südliche Herzlichkeit und Wärme sind nicht ausgestorben, trotzdem wird es immer krasser und oft fühlt man sich am Ende seines seelischen Durchhaltevermögens. Kann man es trotzdem den Leuten übel nehmen?

Und dazu kommt dann auch noch diese Farce der demokratischen Wahlen. Schon im Juni 2012 wurde ordentlich mit den Ängsten und Traumata der älteren Mitbürger gespielt und manipuliert, damit diese wieder die selben etablierten Parteien, welche die Hauptschuld an dem ganzen Schlamassel trifft, wählen und teilweise auch ihre eigenen Familie dazu dringen ähnlich zu wählen, da etliche Haushalte nur noch dank der (wenn auch gekürzten) Rente der Großeltern überleben können und das hat natürlich die Einflussmöglichkeit der älteren Herrschaften besonders erhöht. Und ältere Menschen sind nun mal oft ängstlicher und konservativer als jüngere, insbesondere hier im Süden, da Kriege, Bürgerkriege, Armut, Auswanderung und Diktaturen ihr Leben stark geprägt haben, und für sie gilt immer noch: besser der Teufel den man kennt. Als also 2012 das Fernsehen (immer noch das wichtigste Informationsmedium der älteren Menschen hierzulande) tagtäglich von morgens bis abends die fürchterlichen Konsequenzen eines EU-Rauswurfs aufzählte, und bekannte populistische Politiker wie kreischende Marktweiber ständig auf unsere Ohren eintrommelten: „Ihr und eure Kinder werdet nichts mehr zu fressen haben, ihr werdet im Winter erfrieren (was trotz allem bereits geschieht), ihr werdet alles um das ihr gearbeitet habt verlieren“, da war es um die Wahl geschehen und der Rest Europas wunderte sich über die Dummheit der Griechen, während andere EU-Oberhäupter wiederum erleichtert aufatmeten, „weil die Griechen die richtige Wahl trafen“. Egal was man tut, man kann es halt nicht allen recht machen.

Der Clou der gesamten Argumentation war das berühmte: „Die Kommunisten werden euch die Häuser wegnehmen!“, wobei natürlich nicht nur das eigene Dach überm Kopf, was dem Durchschnittsgriechen neben seiner Kinder hoch und heilig ist, gemeint war, sondern hier wurden mit System die alten Wunden des Bürgerkriegs von 1946-49 aufgekratzt, wo es um Kopf und Kragen ging, um das Wahlverhalten bestimmter Wählergruppen zu manipulieren. Wählergruppen zu denen Menschen gehören, wie z.B. ein älterer Onkel von mir, ein Cousin meines Vaters, der 1948 im Alter von 11 Jahren in einem vertrockneten Flussbett in der Nähe seines Dorfes in Zentralgriechenland, wo der Bürgerkrieg besonders grausam ausgefochten wurde, die schrecklich verstümmelten Leichen zwanzig Männer entdeckte, die vor Wochen von kommunistischen Rebellen aus seinem Dorf entführt worden waren, und darunter an einem Ring an der Hand seinen eigenen Vater erkennen musste. Für den heute noch rüstigen alten Herrn bedeutet die Farbe rot immer nur Kommunismus (und zwar der grausamen stalinistischen Art) und Kommunisten sind immer nur Verbrecher. Mit der entsprechenden Mentalität wurden natürlich auch seine Söhne erzogen und so können Vorurteile und Irrglauben weiter bestehen. Mit seelischen Wunden lässt sich doch so leicht Spiel machen.

Was hat das alles doch mit den jetzigen Wahlen zu tun? Es handelt sich doch schließlich nur um Regional- und Europawahlen. Nicht hierzulande. Gerade die Europawahl wurde in den letzten Monaten zu einer Art Referendum für den Fortbestand der jetzigen regierenden Koalition hochgeputscht, da das politische System am Bröckeln ist und es in der Gesellschaft heftig brodelt da immer mehr Menschen in eine auswegslose Situation gedrängt werden, und bereits im Sommer neue Sparmaßnahmen und weitere katastrophale Gesetze auf uns zukommen werden, die das Land noch mehr in den Abgrund treiben werden. Da hat dann auch der größte Überlebenskünstler endgültig seine Karten ausgespielt. Das hiesige politische System weiß das, bekommt es jeden Tag an der eigenen Haut zu spüren, will aber dem Diktat von Troika und Brüssel treu bleiben um seine eigenen Pfründe zu sichern und sucht nun die Legimitierung seines Vorhabens beim Wähler. Die altbekannten Argumente wurden erneut hervorgebracht, ein Stückchen weiter aktualisiert (man spricht jetzt auch schon von Ukraine-ähnlichen Zuständen im Falle eines missbilligenden Wählervotums) und wir alle werden erneut vor das bereits vertraute Dilemma gestellt: Stabilität oder Chaos?

Mit dem Begriff Chaos ist natürlich die linke Partei Syriza gemeint, die angeblich so radikal ist, dass sie für den Rest Europas ein wahres Gräuel darstellt von dem sich die Europäer sofort abwenden werden, am besten gleich mit dem ganzen Land dazu. Um was es sich bei dieser „Radikalität“ in Wirklichkeit handelt, das beschrieb ganz ausgezeichnet in einem eigenen Eintrag (http://elladazoi.blogspot.gr/2012/05/die-als-radikale-linke-bezeichnete.html) eine deutsche Bloggerin aus Nordgriechenland, die leider seit langer Zeit nichts mehr von sich hören lässt und ich hoffen will dass es ihr und ihrer Familie gut geht. Ihre Einträge bleiben dennoch besonders lesenswert und sind wärmstens zu empfehlen.

Ob Syriza mit seinem charmanten und charismatischen jungen Chef, dem Sohn eines wohlhabenden Bauunternehmers der schon während der Schulzeit voll in die Politik eintritt, eine wirkliche Alternative darstellt, darüber lässt sich lange streiten, aber wenn man sich so den Rest seiner Parteimitglieder ansieht und gleichzeitig beobachtet wie aus einem relativ unbekannten Alexis plötzlich ein Spitzenkandidat der europäischen Linke emporstrahlt, da bekommt man eher das Gefühl dass man mal wieder die Wahl zwischen Skylla und Charybdis hat, wie leider so oft in den letzten Jahren. Und das ist keine Wahl, sondern nur pure Qual.

Da fragt man sich natürlich ob das starke Erdbeben (6,5 auf der Richterskala) von gestern eventuell ein Vorbote des politischen Erdbebens war, das angeblich ganz Europa ins Wankel bringen wird. Spaß beiseite, es ist schon ziemlich unangenehm wenn plötzlich mal wieder die Erde unter einem wackelt, das Geschirr klirrt und die Deckenlampen nicht so lustig hin- und herschwingen und, junge, das war ziemlich stark, wenn man bedenkt dass wir mehr als 250 km vom Epizentrum entfernt liegen. Egal wie oft man es erlebt hat, daran gewöhnen tut man sich nie, man kann immer nur beten und hoffen, dass es nicht direkt das bewohnte Festland trifft, denn in einem solchen Fall wären die Ausmaße einer derartigen geologischen Umwälzung einfach katastrophal, und auch solche Katastrophen hat dieses gebeutelte Land oft genug erlebt.

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