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Manchmal hat man den Eindruck als ob der Himmel einfach mitheult. Ein Regentag nach dem anderen, trüb, nass und einfach zu kalt für diese Jahreszeit, die unbeheizte Wohnung dunkel und ungemütlich (wer konnte sich diesen Winter schon Heizöl bei 1,30 € pro Liter leisten), man sehnt sich nach ein paar Sonnenstrahlen, damit sich wenigstens die Seele ein bisschen aufhellt.

Vor ungefähr einer Woche hatten wir das letzte Faschingswochenende mit dem darauf folgenden „Sauberen Montag“ (Kathari oder Kathará Deftera mit „a“ am Ende, wie es im Mittelgriechischen hieß und heute noch meist gebräuchlich ist), dem offiziellen Beginn der siebenwöchigen Osterfastenzeit. An diesem Tag heißt es „Raus in die Natur“, und da der „Saubere Montag“ in Griechenland ein gesetzlicher Feiertag ist, bleiben Schulen, Behörden und Geschäfte geschlossen und die Menschen strömen ins Freie zu einem Picknick mit traditionellen Fastenspeisen und zum Drachensteigen. Denn man empfindet diesen Tag zugleich als Abschied vom Winter und freut sich über die ersten blühenden Mandel- und Mirabellenbäume.

Dieses verlängerte Wochenende ist normalerweise für viele Menschen, die in den Großstädten leben, die erste Gelegenheit des neuen Jahres aufs Land zu fahren, in die Heimatdörfer oder die Kleinstädte wo meistens noch die Eltern oder Großeltern leben, um sie nach langer Zeit endlich mal wieder zu besuchen, etwas frische Luft zu schnappen und den Alltagsstreß ein wenig zu vergessen. Doch von Jahr zu Jahr bleiben immer mehr Besuche aus, die Menschen können es sich schlicht und einfach nicht mehr leisten, Überbesteuerung, ständige Preissteigerungen bei Lebensmitteln, Wasser und Strom haben sogar das nackte Überleben fast unmöglich gemacht. Die meisten Dörfer und Kleinstädte blieben auch diesmal leer, das schlechte Wetter bot sich als eine halbherzige Ausrede an, in einem verzweifelten Versuch die Irrationalität unserer Umstände irgendwie noch gutzuheißen, damit sich Resignation und Verzweiflung nicht noch weiter breitmachen.

Diejenigen, die sich noch ein Auto leisten können (oder auch müssen) wurden Anfang Februar nochmals böse überrascht, als die unerhörten und völlig irrationalen neuen Erhöhungen der Mautgebühren in ganz Griechenland um bis zu 60% in Kraft traten. Der griechische Staat beteiligt schon seit Jahren private Investoren am Ausbau der Nationalstraßen und Autobahnen mit oftmals recht dubiosen Verträgen, die Baufirmen (unter anderem auch etliche ausländische, wie z.B. Hochtief) stellen Eigenkapital, besorgen Bankkredite und kassieren dafür als Konzessionäre über einen bestimmten Zeitraum Mautgebühren – und zwar vom Baubeginn an. Nur, viele Straßen bleiben über lange Zeiten unfertige Baustellen obwohl munter weiterkassiert wird, die Mautstationen sprießen wie Pilze aus der Erde und mit inzwischen 75 Mautstationen landesweit, kann man kaum den Fuß vor die Haustür setzen ohne zur Kasse gebeten zu werden.

Entsprechend hochgeschossen sind natürlich auch die Preise der KTEL (Das Intercity-Busnetz ΚΤΕΛ, die Griechische Gesellschaft der Busbetreiber also, wurde als Zusammenschluss der früheren verschiedenen regional operierenden Busgesellschaften gegründet. Heute hat jede Region ihren eigenen KTEL Service, und KTEL führt 80% des öffentlichen Intercity-Transports Griechenlands durch).

Seit eh und je prägen die typischen blaugrünen Busse das Bild der griechischen Straßen als das wichtigste Transportmittel für ganze Bevölkerungsgruppen, aus der Zeit noch wo Autos ein wahrer Luxus waren, und so mancher Student, junger Berufseinsteiger oder gar ganze Familien hat sich über die Esspakete mit den hausgemachten Spinat- oder Käsepitas, den Würsten und den frischen Eiern von zuhause gefreut, die dank der KTEL oft durchs halbe Land befördert wurden. Diese Bilder sieht man auch heute noch, sogar die frischgeschlachteten Osterlämmer werden auf diese Art noch durch die Gegend kutschiert, damit wenigstens für die Liebsten das traditionelle Osterfestmahl nicht ausfällt, wenn schon der Besuch nicht möglich ist. Aber es wird immer weniger, denn auch auf dem Land, wo es mit der Selbstversorgung immer noch besser klappt, verarmen die Menschen immer schneller und blicken genauso hilflos einer düsteren Zukunft entgegen.

Denn die Zukunft sieht wirklich düster aus, die flächendeckende Verarmung, durchgeführt von einem räuberischer Staat, einem perversen Machtkonstrukt mit Begünstigten und Unterdrückten, schreitet immer schneller voran. Es leuchtet langsam ein, dass die sogenannte Rettung des Landes durch Troika und internationale Gläubiger vom allerersten Tag an nur darauf ausgerichtet war das parasitäre System von korrupten Politikern und gierigen Banken zu stabilisieren. In einem Land wo die private Verschuldung der Haushalte durch Konsumkredite immer noch einer der niedrigsten weltweit bleibt, sind wir alle Schuldner gegenüber einem Staat, der nie daran ermüdet uns täglich mit neuen Steuererfindungen immer tiefer in den Abgrund zu treiben.

Steuern, die man beim besten Willen nicht bezahlen kann und die schon längst nichts mehr mit dem realen Einkommen oder Vermögen der Menschen zu tun haben. Etwa 63 Mrd. Euro betragen bereits die fälligen Schulden der Bürger an den Fiskus, und dieser greift besonders hart durch. Allein 2013 wurden über 100.000 Kontopfändungen oder Kontoblockaden vollzogen, neuerdings finden sie auch auf elektronische Weise ohne jegliche schriftliche Vorwarnung statt, ein Pfändungsschutzkonto gibt es nicht. Und wenn das nicht reicht, kommen die Immobilienpfändungen, auch des Eigenheims, die Haftstrafen, oder mit anderen Worten, such dir deinen Tod aus. Ja, will denn der griechische Staat etwa real estate spielen? Natürlich, und es wird bereits vorgesorgt, denn mittels einer neuen Internet-Plattform (unter www.e-publicrealestate.gr) für Online-Versteigerungen von Immobilien wird die Verwertung öffentlichen Vermögens gefördert. Deine Wohnung wird also gepfändet, egal ob du sie noch nicht einmal bei der Bank abbezahlt hast, schnurstracks zu „öffentlichem Vermögen“ erklärt und dann online verscherbelt. Welch eine sagenhafte Success-story! Hauptsache, der Haushaltsüberschuss kann gemeldet werden.

Ganz so nebenbei: Sogar Steuerbeamte wissen längst nicht mehr ein und aus, da sie ständig mit neuen Gesetzen behagelt werden, und nun werden sie auf EU-finanzierte steuerlich relevante Benimmseminare geschickt, wo die guten Leute sich unter anderem anhören müssen, sie sollten sich den steuerpflichtigen Bürgern gegenüber benehmen „wie die Seelöwen den Heringen“, nämlich erbarmungslos jagen. Hat man denn den schlauen Köpfen hinter solchen Schnapsideen nie erklärt, dass es im Mittelmeer weder Seelöwen noch Heringe gibt? Mönchsrobben und Sardinen eher schon.

Hier sind wir also angekommen, von allen Seiten umzingelt und ausgeliefert. Wir, die neuen Freien Belagerten im heutigen Griechenland. Wer möchte da noch behaupten, Geschichte wiederhole sich nicht? Dazu: http://www.hellenicaworld.com/Greece/History/de/GeschichteVonMessolongi.html.

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