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Würde und Stolz können niemals entnommen, sondern nur aufgegeben werden.

“Bevor dies erkannt werden konnte, bevor die innerste Abhängigkeit jeder Kunst von den Griechen, den Griechen von Homer bis auf Sokrates, überzeugend dargethan war, musste es uns mit diesen Griechen ergehen wie den Athenern mit Sokrates. Fast jede Zeit und Bildungsstufe hat einmal sich mit tiefem Missmuthe von den Griechen zu befreien gesucht, weil Angesichts derselben alles Selbstgeleistete, scheinbar völlig Originelle, und recht aufrichtig Bewunderte plötzlich Farbe und Leben zu verlieren schien und zur misslungenen Copie, ja zur Caricatur zusammenschrumpfte.

Und so bricht immer von Neuem einmal der herzliche Ingrimm gegen jenes anmaassliche Völkchen hervor das sich erkühnte, alles Nichteinheimische für alle Zeiten als “barbarisch” zu bezeichnen: wer sind jene, fragt man sich, die, obschon sie nur einen ephemeren historischen Glanz, nur lächerlich engbegrenzte Institutionen, nur eine zweifelhafte Tüchtigkeit der Sitte aufzuweisen haben und sogar mit hässlichen Lastern gekennzeichnet sind, doch die Würde und Sonderstellung unter den Völkern in Anspruch nehmen, die dem Genius unter der Masse zukommt? Leider war man nicht so glücklich den Schierlingsbecher zu finden, mit dem ein solches Wesen einfach abgethan werden konnte: denn alles Gift, das Neid, Verläumdung und Ingrimm in sich erzeugten, reichte nicht hin, jene selbstgenugsame Herrlichkeit zu vernichten.

Und so schämt und fürchtet man sich vor den Griechen; es sei denn, dass Einer die Wahrheit über alles achte und so sich auch diese Wahrheit einzugestehn wage, dass die Griechen unsere und jegliche Cultur als Wagenlenker in den Händen haben, dass aber fase immer Wagen und Pferde von zu geringem Stoffe und der Glorie ihrer Führer unangemessen sind, die dann es für einen Scherz erachten, ein solches Gespann in den Abgrund zu jagen: über den sie selbst, mit dem Sprunge des Achilles, hinwegsetzen.”

Die Geburt der Tragödie, Kapitel 15
Von Friedrich Wilhelm Nietzsche

[EN]

Dignity and pride can never be taken away; only surrendered.

“For this fact to be acknowledged, before it was established that all art inherently depended on the Greeks, from Homer right up to Socrates, we had to deal with these Greeks as the Athenians dealt with Socrates. Almost every age and cultural stage has at some time or another sought, in an ill-tempered frame of mind, to free itself of the Greeks, because in comparison with the Greeks, all their achievements, apparently fully original and admired in all sincerity, suddenly appeared to lose their colour and life and were reduced to unsuccessful copies, even caricatures.

And so a heartfelt inner anger constantly kept breaking out against that arrogant little nation which dared throughout time to define everything that was not produced in its own country as “barbaric”. Who were these Greeks, people asked themselves, who had achieved only an ephemeral historical glitter, only ridiculously restricted institutions, only an ambiguous competence in morality, who could even be identified with hateful vices, yet who had nevertheless taken a pre-eminent place among nations for their value and special importance, something fitted for a genius among the masses? Unfortunately people were not lucky enough to find the cup of hemlock which can do away with such a being, for all the poisons they created –envy, slander, and inner anger– were insufficient to destroy that self-satisfied magnificence.

Hence, confronted by the Greeks, people have been ashamed and afraid. It seems that an individual who values the truth above everything else might dare to propose as true the notion that the Greeks drive the chariot of our culture and every other one, but that almost always the wagon and the horses are inferior material and cannot match the glory of their drivers, who then consider it funny to whip such a team into the abyss, over which they themselves jump with a leap worthy of Achilles.”

The Birth of Tragedy, Chapter 15
By Friedrich Wilhelm Nietzsche

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